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Ausdruck und Eindruck - Wie die Farbe in den Raum kam

Der Wunsch, die Umgebung nach individuellen Vorstellungen zu gestalten, ist fast so alt wie die Menschheit. Steinzeitliche Höhlenmalereien zeigen bereits farbige Jagdszenen an den Wänden. 3.000 vor Chr. beschreiben Malereien in ägyptischen Gräbern und Tempeln das alltägliche Leben in eindrucksvoller Farbigkeit.

Ein paar Jahrtausende später. Pigmente, die Grundstoffe von Farben, sind in Mitteleuropa so wertvoll, dass sie dem Einsatz in Repräsentativbauten wie Kathedralen oder Palästen vorbehalten bleiben. Wände und Decken werden hier zu Berichterstattern. Um die biblische Geschichte für die Leseunkundigen erlebbar zu machen, bedient man sich der räumlichen Dimension. Die größten Künstler der Epochen – von Fra Angelico über van Eyck, Leonardo da Vinci, Michelangelo bis zu Caravaggio schaffen kunsthistorische Dokumente für die Ewigkeit.

Erst Ende des 19ten Jahrhunderts, mit Beginn der Industrialisierung und der damit verbundenen maschinellen Produktion von Einrichtungsgegenständen wird ein persönlicher Wohnstil für viele erschwinglich und attraktiv. Der Wunsch nach Individualität und Verwirklichung eigener Wohnträume macht natürlich nicht bei Möbeln halt. Auch Wände und Böden werden in die Gestaltung mit einbezogen.

Keramische Fliesen, industriell gefertigt

Die Vorzüge der industriellen Fertigung machen auch vor der Produktion von Fliesen nicht Halt. Inspiriert von den Einflüssen des Klassizismus entwickelt Villeroy & Boch als erstes Unternehmen ein strapazierfähiges Steinzeugdekor, das sich dank Maschinenfertigung ökonomisch herstellen lässt: in großer Auflage und damit zu einem günstigen Preis. Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten, die weit über die reine Funktionalität hinaus gehen, sind damit nicht mehr nur Reichen und Adeligen vorbehalten. Die nach dem Produktionsstandort benannten „Mettlacher Platten“ werden zum Synonym für Design und Qualität und sind bald überall zu finden: in Ladenlokalen genauso wie in öffentlichen und privaten Gebäuden.

Da die Unternehmer in Mettlach keinen Erfolg auf sich beruhen lassen, werden die Materialien und Fertigungsprozesse in der Fliesenproduktion wieder und wieder optimiert. Aber nicht nur das: Im Laufe von unzähligen Gesprächen mit Händlern und Kunden geht Firmenchef Eugen von Boch den Bedürfnissen und Wünschen des Marktes auf den Grund. Er entwickelt immer mehr Fliesendekore, die exakt auf den Kundengeschmack abgestimmt sind und demzufolge Verkaufsrenner werden: Bereits Ende des 19 Jahrhunderts liefert Villeroy & Boch Millionen von Fliesen in die ganze Welt.

Die Mettlacher Platte

Vielfalt von Form und Farbe

Die Mettlacher Platte Vielfalt von Form und Farbe Um Mosaik- und Dekorfliesen in verschiedenen Größen und unterschiedlichen Dekoren wirtschaftlich produzieren zu können, wird bei Villeroy & Boch ein einheitlicher Herstellungsprozess entwickelt: Jede Platte wird in zwei Schichten gefertigt. Auf eine untere Trägerschicht aus ungefärbtem Steinzeug wird eine lediglich drei bis fünf mm dicke zweite Schicht aus einem mit teuren mineralischen Farben gemischtem Pulver aufgetragen. Das Resultat ist eine farbintensive Oberfläche mit effizientem Materialeinsatz. Um das für die Mettlacher Platte typische filigrane Design zu verwirklichen, werden in die quadratischen Grundformen dünne, zu Mustern verlötete Blechstreifen gesetzt. Die so entstehenden Felder werden nun ebenfalls mit Farbe befüllt und die Blechstreifen entfernt. Zum Schluss muss das Material nur noch bei 150 Atmosphären Druck verdichtet und 60 Stunden lang gebrannt werden.

Kein Wunder, dass Jugendstil-Architekten wie Josef Maria Olbrich Steinzeugplatten für sich entdecken. Das Bauelement bietet schließlich alle Möglichkeiten, Materialien und Farben spannungsvoll miteinander zu kombinieren. Was passte da besser als Bodenfliesen mit filigranen Dekors in unterschiedlicher Farbigkeit?

Neues Lebensgefühl zu Beginn des 20. Jh.

Der Wohlstand wächst, mit ihm der Bauboom und die Nachfrage nach edler Baukeramik. Die eigenen vier Wände werden zum Statussymbol, pure Funktionalität ist von gestern. Fliesen von Villeroy & Boch wurden zu weit mehr als pflegeleichten Bodenmaterialien. Der Siegeszug der Mettlacher Platten setzt sich an der Wand fort: Hier lassen sie echte Kunstwerke in farbiger Pracht entstehen.

Farbe im Bad: Wichtiges Ausstattungsdetail der 60/70er Jahre

Wirtschaftswunderzeiten

Zwei Kriege und 50 Jahre später tun die Menschen alles dafür, die Tristesse hinter sich zu lassen – und die Zukunft in schönstem Licht zu sehen. Das Wirtschaftswunder läuft auf Hochtouren, Farbe zieht im Zuge des Wiederaufbaus erneut in Häuser und Wohnungen ein. Nicht nur Tapeten und Polster werden bunt, auch im Bad beweisen sich Fliesen in kräftiger Farbigkeit.

Stichwort Lifestyle

In den 1970ern und 1980ern stehen Immobilien hoch im Kurs der Investoren. Räume werden neu interpretiert:  Großzügigkeit und ein ganzheitliches Wohlfühlerlebnis in allen Räumen stehen im Fokus. Lifestyle heißt das Stichwort der 80er Jahre. Kaum ein anderes Unternehmen kann so entscheidend zum neuen stilvollen Wohnerlebnis beitragen wie Villeroy & Boch. Weil vor allem Bäder nicht mehr nur der Funktion dienen sollen, sondern zu kleinen Wohlfühloasen werden geht das Unternehmen neue Wege in Sachen Design. 

Kenzo, Colani & Co.

Villeroy & Boch beauftragt die erste Garde der Designer: Neben den Produktdesignern von Frog-Design und Modeschöpfern Wolfgang Joop, Kenzo oder Paloma Picasso ist das vor allem der eigenwillige Superstar unter den Designern:  Luigi Colani.

 

Sein mutig-farbiges Baddesign für das Unternehmen wird vielfach ausgezeichnet, weltweit beachtet – und trägt mit dazu bei, Villeroy & Boch als erste Adresse für ganzheitliche Raumerlebnisse zu etablieren. 

Ob Colani oder Kenzo: Renommierte Designer für Villeroy & Boch

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