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Inspiration

Winzer Ernst F. Loosen: Wein genießt man mit allen Sinnen

Steckbrief

Weingut Dr: Loosen: In Familienbesitz seit mehr als 200 Jahren
1988: Ernst F. Loosen übernimmt die Führung
Größe: 50 Hektar an Mosel, neben Weingütern in der Pfalz und in Oregon
Qualität: Rieslinge der besten Lagen (VDP. GROSSE LAGE®) auf Weltniveau
Auszeichnungen: Bestnoten in Gault Millau, Vinum, Decanter, Wine & Spirits

Obwohl er zunächst Archäologie studiert hatte, ist Ernst Loosen schließlich doch dem Ruf seiner Familie gefolgt und Winzer geworden. Vom Weingut in Bernkastel-Kues aus gelang es ihm in wenigen Jahren, dem Riesling aus Deutschland wieder zu einem guten Ruf zu verhelfen. Die eigenständigen komplexen Weine, ausgebaut in besten Südlagen aus teilweise über 100 Jahre alten wurzelechten Reben, erfreuen sich heute überall auf der Welt größter Beliebtheit.

Das Fachmagazin Decanter bringt den Erfolg des Winzers auf den Punkt:

„Ernie Loosen hat die Mosel und ihre Rieslinge mit einem Paukenschlag ins 21. Jahrhundert befördert.“

Warum Wein für die Winzer-Ikone Ernst Loosen ein multisensorisches Erlebnis ist, darüber haben wir mit ihm in der Vinothek des 200 Jahre alten Weinguts gesprochen.

Der Kernsatz Ihrer Philosophie besagt: „Ein großer Wein entsteht im Kopf“. Damit sind wir schon mitten im Thema. Für Sie geht es bei dieser Definition zunächst um die Kreation eines Weines. Würden Sie auch zustimmen, dass man Wein mit allen Sinnen genießt?
Selbstverständlich! Schon allein der Einfluss der verschiedenen Jahreszeiten trägt zum ganzheitlichen Geschmackserlebnis bei. Das sanfte Licht im Frühjahr, dazu der Duft des ersten Wachstums in der Natur – dieses Zusammenspiel wirkt sich ganz anders auf den Geschmack des Weines aus als die letzte Herbstsonne, verbunden mit dem morbiden Geruch von Laub. Sehen, Riechen und Schmecken schaffen hier tatsächlich ein multisensorisches Erlebnis.

Bekanntermaßen ist Musik für emotionale Erlebnisse verantwortlich. Würden Sie zu einem Rotwein etwas anderes hören als zu einem Weißen?
In der Tat hängt die Wahl der Musik für mich damit zusammen, was ins Glas kommt. Dabei geht es jedoch nicht um die Farbe des Weins, sondern um seine Eigenschaft: Zu einem kantigen, rauen Wein höre ich etwas anderes als zu einem leichten Spritzigen.

In welchem Interior sehen Sie sich dabei?
Da ist für mich Farbtemperatur gleich Weintemperatur: In kühler heller Atmosphäre würde ich niemals einen schweren Roten wie einen Bordeaux trinken. Der passt perfekt zum warmen Licht eines Kaminfeuers. Grundsätzlich ist aber die wichtigste Voraussetzung für perfekten Weingenuss eine Atmosphäre, in der man sich wohl fühlt. Eine Erkenntnis, die auch den Umbau unseres Weinguts mit der Vinothek stark beeinflusst hat. Wir haben in handwerklicher Feinarbeit und viel Liebe zum kleinsten Detail eine harmonisch anspruchsvolle Umgebung geschaffen, die über Modeströmungen erhaben ist und allen Trends trotzt. Allein vier Jahre haben wir nach einem Architekten gesucht – und das nur, weil ich keine Umgebung aus Beton, Glas und Stahl erschaffen wollte, sondern Räume, die sich harmonisch an das historische Gebäude angliedern – so als wären sie immer schon da gewesen.

Inspiration:

Künstler Markus Lüpertz lässt diese Figur nach einem Besuch auf dem Weingut entstehen.

Kunst oder Architekturskizze? Der Ausbau der Vinothek erfolgt auf Basis handgezeichneter Entwürfe des Architekten.

Angelehnt an historische Vorbilder: Jedes Detail steht für zeitlosen Stil, der Trends überdauert.

Unterm Himmelszelt: Selbst der Leuchter mit seinen weinseligen Putten ist nach Vorlage des Architekten gefertigt.

Apropos Weiß und Rot: Die Farbe des Weins weckt eine bestimmte Erwartungshaltung, was den Geschmack angeht. Kann man sich da auch mal täuschen?
In den meisten Fällen nicht. Wenn Sie einen dunklen, fast schwarzen Rotwein vor sich haben, ist er naturgemäß tanninhaltiger und kräftiger als ein hellroter. Dasselbe gilt für Weißwein: Schimmert er goldgelb im Glas, ist er gereifter, schwerer und zeigt oft Edelsüße. Allerdings geht die Beeinflussung durch die visuelle Wahrnehmung viel weiter. Es gibt unzählige sensorische Studien, die beweisen, dass es Weinkennern und selbst Sommeliers schwerfällt, einen Wein zu erkennen, wenn er beispielweise in einem schwarzen Glas gereicht wird. Wieder ein Beweis dafür, dass man mehr als einen Sinn benötigt, um eine Traube wirklich genießen zu können.

Fast alle Sinne haben also Einfluss auf das Erlebnis Wein. Spielt auch das Fühlen eine Rolle? Fühlen im Sinne von Ertasten sicher nicht. Aber tatsächlich tragen Qualität und Form des Glases zum vollkommenen Geschmack bei. Mundgeblasene Gläser sorgen mit ihrer extrem feinen Mündung dafür, dass der Wein von den Geschmackszonen im Mund differenzierter aufgenommen wird. Die Kelchform des Glases ist zudem für die Entfaltung des Aromas zuständig. Rotweine brauchen bauchige Kelche und damit viel Fläche, damit der Wein mit Sauerstoff in Berührung kommt und so sein Aroma entfalten kann. Weißweine enthalten weniger Gerbstoffe und brauchen weniger Sauerstoff, um ihr feines Aroma zu entwickeln. Ihr Duft wird in schlanken Gläsern optimal gebündelt.

Alles in allem: Wie würden Sie das besondere multisensorische Genusserlebnis des Weins beschreiben?
Ganz einfach: Wein ist ein Gefühl.

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