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Die Wiederentdeckung der Farbe: Der Pigment-Papst aus Aichstetten

Seit 1977 steht das Familien-Unternehmen Kremer Pigmente weltweit für qualitativ hochwertige Produkte in der Restaurierung und der Denkmalpflege, in Malerei und Handwerk. Spezialisiert ist Kremer mit Sitz in Aichstetten/Allgäu auf die Herstellung seltener historischer Pigmente.

Es war irgendwann in den siebziger Jahren, als die Geschichte ihren Lauf nahm. Georg Kremer, Chemiker von Beruf wurde von einem befreundeten Restaurator um Hilfe gebeten. Bei der Restaurierung eines Freskos stellte sich heraus, dass das verwendete Kobaltblau im Hellen zwar genau dem Original entsprach, zu eher dunklen Tageszeiten jedoch nicht mehr zu erkennen war. Ein Problem, dem Georg Kremer mit chemischem Interesse und mithilfe von teils jahrhundertealter Literatur über Pigmente auf den Grund ging. Das Ergebnis: Die Herstellung von originalgetreuem Kobaltblau gelang, die Faszination für das Thema Farbe war geweckt, die Idee, das alte Wissen wieder marktreif zu machen war geboren. 

David und Georg Kremer: Spezialisten für seltene historische Pigmente

Heute, über 40 Jahre später, leitet David Kremer die Manufaktur, die sich in einer historischen Getreidemühle befindet. Hier im traditionellen Umfeld werden nicht nur die Pigmente nach alter Handwerkskunst hergestellt, hier ist die Atmosphäre geschaffen für den Empfang von Besuchern in einem Showroom. Ob Farb-Experten aus dem Louvre, Restauratoren der Dresdner Frauenkirche oder angesehene Maler zeitgenössischer Kunst – alle verlassen sich auf Kremer Pigmente, wenn es um das Herstellenwertvoller Farben und Nachempfinden feinster Farbnuancen geht.

„Um den richtigen Ton zu treffen, reicht das reine Farbwissen nicht aus. Vor allem Kenntnisse über die Materialität sind entscheidend“, so David Kremer. „Eine Farbe wirkt auf einer glatten Leinwand ganz anders als auf grobem Stein. Wir sind daher viel unterwegs, auf Reisen zu unseren Kunden, um deren Projekte mit eigenen Augen zu sehen und bewerten zu können.“

Die Wiederentdeckung einer traditionellen Handwerkskunst

Eine Lösung zu entwickeln, das heißt anschließend, die Rezeptur zu finden, die in Farbe, Ton und Materialität die Aufgabe erfüllt. Innerhalb eines Sortiments von über 1.500 Pigmenten stehen hier mehr als 300 selbst produzierte Pigmente zur Verfügung: Basismaterialien für Farben, deren Rezepturen teilweise auf jahrhundertealtes Wissen zurückgehen, das im Zuge der Industrialisierung als vergessen galt. Historische Werte, die Kremer Pigmente wieder zum Leben erweckt hat. 

Stein: Karneol, Pigment: Opalrot

Stein und Pigment: Cavansite

Stein und Pigment: Smalte

Pigmente werden heute genau wie vor 500 Jahren hergestellt. Aus Halbedelsteinen und anderen Mineralien, aber auch aus Pflanzen und tierischen Rohstoffen. Importiert werden die teils wertvollen Ingredienzien aus den gleichen Regionen wie früher – aus entlegensten Gebieten in Südamerika, Asien oder Afrika. Und immer weiß man dabei, dass jeder Farbton mit jeder Lieferung ein wenig anders ausfallen wird, da es sich um Naturprodukte handelt. Dennoch sind industriell gefertigte Farbpigmente für David Kremer keine Option. „Natürliche Pigmente bestehen aus winzigen Kristallen, von denen jedes eine andere Oberfläche hat. Industriepigmente dagegen sind identisch bis ins kleinste Teil. Das hat Vorteile für viele Bereiche, zum Beispiel für die Herstellung von Autolack, also überall da, wo Normen eingehalten werden müssen. Die variantenreiche Oberfläche von natürlichen Pigmenten macht aber gerade den Reiz und das Besondere aus. Jedes Kristall reflektiert Licht auf andere Weise. Die Farbe erhält damit Tiefe - und genau das ist es, was Künstler und Restaurateure wollen.“    

„Bei natürlichen Pigmenten ist kein Korn wie das andere. So wird Licht auf kleinstem Raum auf verschiedenste Art reflektiert. Es entsteht ein Bruch, der die Spannung ausmacht“

David Kremer

Historisch geprägtes Handwerk und moderne Technologien

Natürlich ist in Aichstetten die Zeit nicht stehengeblieben. Auch wenn es bei der Herstellung von historischen Pigmenten in erster Linie um die Kombination von altem Wissen und Familiengeheimnissen geht, kommen hier digitale Hilfsmittel ins Spiel. „Aber nur in gewissen Bereichen,“ erklärt David Kremer, „natürlich könnten wir die Grammaturen verschiedener Ingredienzen softwaregesteuert abwiegen. Aber viel wichtiger sind hier die Erfahrung mit dem Verhalten von Pigmenten und das Fingerspitzengefühl!“ 

Damit genau diese Erfahrung und dieses Gefühl für Farben nicht erneut vergessen werden, engagiert sich David Kremer in hohem Maße für die Weitergabe des alten Wissens. Direkt vor Ort in Aichstetten, aber auch an Hochschulen und Instituten bietet er Designern, Künstlern, Restauratoren, Studierenden und Auszubildenden Workshops und Fachvorträge rund um die Farbgewinnung mithilfe natürlicher Pigmente. „Ein persönliches Anliegen von mir ist es, dass diese Tradition und das damit verbundene Farberlebnis erhalten bleiben.“ 

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